Datteln – Der Lippeverband baut den Westerbach in den kommenden zwei Jahren naturnah um. Der Bach in Oer-Erkenschwick diente einst als offener Schmutzwasserlauf und liegt in einem technischen Korsett aus Beton. Vom Abwasser befreit wurde er laut Lippeverband schon vor neun Jahren. Künftig sollen Fische aus der Lippe wieder stromaufwärts bis in den Westerbach schwimmen können, teilte die Stadt Datteln mit. Der Verband investiert knapp 2,2 Millionen Euro in die Renaturierung des 2,2 Kilometer langen Bachs.
Der erste Abschnitt reicht von der Schultenstraße bis zur Verbandsstraße und misst rund 1050 Meter. Dort entnimmt der Verband die Sohlschalen samt Unterbau und bringt ein neues Sohlsubstrat ein. Im folgenden Abschnitt münden der Esseler Bruchgraben und der Sauerkampgraben in den Westerbach. Den Mündungsbereich des Esseler Bruchgrabens, der technisch stark verändert wurde, baut der Verband zurück und gestaltet ihn naturnah. Die Böschungen werden teilweise abgeflacht, das Gewässer wird aufgeweitet. Auch im Mündungsbereich ersetzt neues Substrat die Sohlschalen.
Der Westerbach liegt teilweise höher als der Steinrapener Bach, in den er fließt. Den Höhenunterschied gleicht ein knapp zwei Meter hohes Absturzbauwerk aus Beton aus. Fische können es nicht entgegen der Fließrichtung überwinden. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, nach der der Bach umgestaltet wird, schreibt aber ökologische Durchgängigkeit vor. Deshalb erhält der Westerbach unterhalb der Einmündung des städtischen Sauerkampgrabens eine neue Trasse und fließt künftig westlich statt östlich am Hof Gutacker vorbei.
Dabei kehrt er in sein ursprüngliches Bett zurück, das teilweise noch vorhanden ist. Weil es bergbaubedingte Abflussprobleme gab, hatte man die Trasse vor Jahrzehnten nach Osten verlegt. Nach dem Zusammenfluss mit dem Steinrapener Bach heißen beide Gewässer zusammen Dattelner Mühlenbach, der durch Datteln in die Lippe fließt.
Der alte Verlauf östlich des Hofes wird größtenteils verfüllt. Nur im Bereich des Bodendenkmals Haus Gutacker bleibt das alte Profil ab dem Absturzbauwerk optisch unverändert und dient als Grundwasservorfluter, die Betonsohlschalen werden auch dort entnommen. Der Graben soll als eine Art „Bodendenkmal“ an die Ära der Köttelbecken erinnern.
Dattelns Bürgermeister André Dora sagte, auch der Dattelner Mühlenbach profitiere von der naturnahen Umgestaltung, da Fische nur selten an Stadtgrenzen Halt machten. Oer-Erkenschwicks Bürgermeister Shoaiub Nazir erwartet eine erhebliche Aufwertung für Flora und Fauna. Der Vorstandsvorsitzende des Lippeverbandes, Prof. Dr. Uli Paetzel, sagte, die neue Natur beschatte das Gewässer und schütze es besser vor Verdunstung und Austrocknung.
Das Wichtigste
- Erster Abschnitt: Schultenstraße bis Verbandsstraße in Oer-Erkenschwick, rund 1050 Meter
- Bauzeit: die kommenden zwei Jahre
- Kosten: knapp 2,2 Millionen Euro
Was dahintersteckt
Was Renaturierung konkret heißt, beschreibt das NRW-Umweltministerium auf seiner Website zum Landesprogramm. Dazu kann gehören, Uferbepflanzungen anzulegen, Totholz einzubauen oder Befestigungen von Ufer und Gewässersohle zu entfernen. Auch Wehre können entfernt und Fischtreppen eingebaut werden. Am Ende soll sich das Gewässer selbstständig entwickeln.
Der Anlass ist laut Ministerium, dass es in Nordrhein-Westfalen zu wenig intakte Gewässerlebensräume gibt. Einen natürlichen oder naturnahen Zustand erreichen demnach aktuell weniger als zehn Prozent der Fließgewässer. Das Land fördert Maßnahmen zur ökologischen Gewässerentwicklung mit bis zu 80 %.
Zur Durchgängigkeit heißt es bei der Bezirksregierung, dass Querbauwerke wie Abstürze und Wehre sie für Fische nicht wesentlich beeinträchtigen dürfen. Die Tiere brauchen für Nahrungsaufnahme, (Winter-)Ruhe und Laichzeit verschiedene Abschnitte eines Fließgewässers und müssen diese ohne Zeitverzögerung erreichen. Bei bestehenden Querbauwerken muss die Durchgängigkeit nachträglich hergestellt werden.
Unser Blick
Dass ein Bach nicht nur ökologisch aufgewertet, sondern für Fische wieder durchgängig wird, ist der eigentliche Gewinn des Projekts. Das Absturzbauwerk ist dafür der Knackpunkt. Interessant ist der bewusst erhaltene Grabenrest als Erinnerung an die Industriegeschichte. Offen bleibt, wie schnell sich neue Arten tatsächlich ansiedeln.

